My Sweet Prince

Brian wachte neben ihr auf.
Angewidert fühlte er sich, er wusste, es wird der letzte Tag sein. Er wollte es beenden, nein er musste sogar. Er konnte sie nicht mehr ertragen. Sein Blick schweifte über die weiße Decke, unter der sich ihr Körper abzeichnete, die Haut fast so weiß wie die Decke darüber. Noch vor ein paar Stunden hatte sie unter seinen heftigen Stößen geseufzt.
Wütend, von jeder ihrer Lustbekundungen mehr angestachelt, wollte er ihr das Gehirn rausvögeln, bis sie endlich aufhörte zu denken, zu planen und zu vereinnahmen, doch anstatt vor Schmerz zu schreien, wollte sie nur noch mehr. Sie wollte ihn ganz und gar. Dafür hasste er sie, sie wollte mehr von ihm, als er ihr geben konnte, während sie ihn immer mehr zu lieben schien, wuchs sein Hass mit jedem Seufzer.
Der graue Himmel graute ihm durch das Fenster entgegen.
Er war einfach nur leer, nichts erinnerte ihn mehr daran, daß er einmal zufrieden neben ihr aufgewacht war und sie mit Leidenschaft betrachtete, es war nur noch Verachtung übrig.
Unbewegt, saß er auf der Bettkante, wie sollte er aus dem Zimmer heraus kommen ohne sie aufzuwecken? Das Bett würde bei dem Versuch aufzustehen auf jeden Fall knarren. Die heftigen Bewegungen der letzten Nacht waren zuviel für das Gestell gewesen.
Sein Plan war einfach: Verschwinden, ohne das sie etwas merkte. Keine endlosen Diskussionen, keine Tränen, er müsste ihr nicht mehr in die Augen sehen. Jedoch hatte sich das Bettgestell gegen ihn verschworen, jede noch so kleine Bewegung von ihm wurde von einem verräterischen Geräusch untermalt, das ihn innehalten ließ, angespannt war jeder Muskel, zur Flucht bereit. Wenn er lange genug still verharren konnte, würde sie sich vielleicht an das Knarren gewöhnen und nicht aufwachen.
Der Boden war bedeckt von seiner Hose, ihrem BH, einem T-Shirt sowie einem tomatenverschmierten Pizzakaufbeleg. Der rahmenlose Spiegel, der an der Wand vor ihm lehnte, zeigte das Fußende des Bettes, einer ihrer Füße schaute halb unter der Decke heraus. Es fröstelte ihn bei dem Gedanken, ihr so nahe gewesen zu sein, noch vor ein paar Stunden ihren Fuß berührt zu haben.
Der Wein von gestern Abend hatte seine Wirkung noch nicht verloren, wenn Brian den Kopf zu schnell drehte wurde ihm schwindelig, ein weiterer Grund zu viele Bewegungen zu vermeiden.
Angefleht hatte sie ihn, er möge bei ihr bleiben. Genau damit hatte sie jeglichen Reiz, den sie einmal auf ihn ausgeübt hatte endgültig vernichtet. Schon da hatte er gehen wollen, doch sie hatte ihn nicht gelassen. Ihre Tränen weckten sein Mitleid und der Wein weckte seine Lust, so endeten sie dort, wo er jetzt gefangen zu sein schien.
Nach nur drei Monaten, angefangen bei unendlichem Verlangen, nie zu finden geglaubtem Verständnis und gegenseitiger Bewunderung, anfänglich. Sie gestand ihre Liebe, er schwamm mehr oder weniger mit dem Strom, der da verheißungsvoll vor Emotion zu zerfließen schien, mit.

Schon bald aber merkte er, dass sich alles nur um sie drehte. Sie wollte alles bestimmen, war dabei aber so selbstlos, sie wollte sich nur seiner Liebe sicher sein und wenn er ihr nicht das für sie richtige Gefühl vermitteln konnte, gab es Streit.
Für eine Weile flog er so hoch mit ihr, wie er es niemals für möglich gehalten hätte, schnell kam er aber wieder auf den Boden der Tatsachen und der Aufschlag war in jedem seiner Knochen spürbar. Hatte er sie geliebt? Scheisse ja, aber die Liebe war verreckt. Innerlich sprang er bei diesen Gedanken auf und rannte aus dem Zimmer, doch die Realität sah anders aus. So vorsichtig wie nur möglich erhob er sich von der Insel ihres Glücks, die untergehen sollte. Laut hörbar knarrte es und Brian erstarrte innerlich wie auch äußerlich, als sie sich zu räkeln begann. Würde sie sich jetzt umdrehen, hätte sie sein Fehlen auf der angestammten linken Seite des Bettes bemerkt.
Es blieb beim bloßen Räkeln. Vorsichtig klaubte er Hose und T-Shirt vom Boden auf, blieb dann stehen und lauschte.
Ihr Atem war gleichmäßig, je mehr er sich aber auf ihn konzentrierte, desto lauter wurde er. Der Schwindel erfasste seine Sinne wieder, er hörte nur noch ihren Atem, während sich der Raum mitsamt Bett, Spiegel und hässlicher Kommode vor seinen Augen drehte, er hatte Mühe die Balance zu halten.
Er bemerkte, daß sein Atem denselben Rhythmus hatte wie ihrer, also hörte er auf zu atmen, jegliche Verbindung sollte enden zwischen ihnen.
Klar war es ein Fehler mit ihr zu schlafen, sie in der Sicherheit zu wiegen das Unabwendbare doch noch einmal abgewendet zu haben, aber dieser Morgen hatte es nur noch einmal bestätigt: Für ihn war es vorbei.
Die weiße Schiebetür stand nur einen Spalt weit offen, wie in Zeitlupe begann er sie auseinander zu schieben, der Weg nach draußen war greifbar nahe, da hörte er sie plötzlich verschlafen säuseln.
„Mein süßer Prinz, wo willst du hin?“
Wie die sprichwörtliche Salzsäule stand er unbeweglich in der Tür, wie ein ertappter Dieb beim Verlassen des Tatortes.
Scheisse, dachte er.
„Ich muss gehen“, sagte er, ohne sich umzudrehen.
„Brian?“ Ihre Stimme klang heiser, so als würde sie schon wieder ihre Tränen unterdrücken.
„Simonique?“ Er schob die Tür nun komplett auseinander, während er widerwillig ihren Namen aussprach, der jegliche Schönheit verloren hatte für ihn.
Als er sich dann doch zu ihr umdrehte, sah er sie auf dem Bett sitzen, die Decke um ihren Oberkörper geschlungen, das schwarze Haar hing ihr wirr ins Gesicht, die Augen blickten ihn fragend an.
„Du kommst nicht wieder.“, sie fragte nicht, sie stellte es mit einem deprimierten Unterton fest, strich sich dabei das Haar aus dem Gesicht und faltete die Hände in ihrem Schoß.
Brian stützte sich am Türrahmen ab, er hatte keinen Nerv auf eine Diskussion.

„Sag es ruhig.“, forderte sie doch eine Antwort von ihm, „Aber erkläre mir eines: Warum bist du geblieben? Doch wohl weil du mich liebst oder? Sag es mir, liebst du mich noch?“ Während sie es sagte stand sie auf und kam auf ihn zu, Tränen standen in ihren Augen. Gerne hätte er sie zurück auf das Bett gedrückt, ihr den Mund zugeklebt, damit sie nichts mehr fragen oder sagen konnte und er verschwinden konnte. Was sollte er schon sagen?
Brian verbarg sein Gesicht hinter seiner Hand und musste plötzlich lachen, es war doch ganz einfach eigentlich.
„Nein, ich liebe dich nicht und deshalb gehe ich jetzt.“
Es war völlig still, sie sagte keinen Ton, ihre Augen blickten ins Leere, so blieb sie einfach vor ihm stehen. Auch während er seine Hose anzog, stand Simonique immer noch unbeweglich vor ihm. Er wusste nicht was er ihr noch sagen sollte, nur endlich hier raus wollte er. Das weiße Laken fiel zu Boden, sie scherte sich nicht darum, versuchte stattdessen ihm in die Augen zu blicken, doch er wich ihrem Blick aus, zog sich sein T-Shirt über den Kopf und nahm seine Jacke vom Haken. Gerade als er die Klinke der Haustür herunterdrückte, hörte er sie im Schlafzimmer.
„Du bist der Eine.“
Die Tür fiel ins Schloss, ihre Worte hallten in seinem Ohr nach, während er durch den Morgennebel zu seiner Wohnung ging. Tränen rannen über sein Gesicht, er wusste nicht mal warum. Sie fickte sein Gehirn immer noch, obwohl er sich doch entschieden hatte. In seiner Wohnung angekommen, drehte er die Musik laut auf, um ihre letzten Worte aus seinem Kopf zu bekommen. So starrte er an die Decke und wunderte sich, wie schnell sich die Dinge geändert hatten, wie plötzlich aus Liebe, Hass geworden war.
Es war das Richtige, beruhigte er sich und er nahm sich vor, nicht mehr daran zu denken. Schließlich schlief er ein.
Im Traum befand er sich in einem Zimmer das sich um ihn drehte, überall waren Spiegel, jeder rief ihm zu: „Du bist der Eine!“, jeder Versuch die einzige Tür aufzuschieben endete in einem lauten Knarrgeräusch und wieder hallte es von allen Seiten, Brian hielt sich die Ohren zu, da klingelte ein Telefon.
Er realisierte, das Telefon klingelte tatsächlich. Es war Josh, ein gemeinsamer Freund.
Wann er Simonique zuletzt gesehen habe, fragte er Brian. Er schaute auf die Uhr und überlegte, vor ein paar Stunden, antwortete er. Ob sie denn verschwunden sei, wollte er von Josh wissen.
Er habe sie gefunden, eine Schachtel Schlaftabletten und eine Flasche Scotch neben dem Bett. Der Arzt habe ihr nicht mehr helfen können.
Fassungslos lauschte er den Worten, die er nicht verstehen konnte.
Warum?
Niemals hatte er sich so geschämt, dafür wie er sie behandelt hatte.
Niemals war er so wütend, auf sie, auf sich selbst.
Josh fiel noch etwas ein: Auf dem Spiegel im Schlafzimmer stünde etwas mit schwarzem Lippenstift geschrieben.
Was?
„Mein süßer Prinz – Du wirst immer der Eine sein.“

Eine Antwort zu “My Sweet Prince”

  1. Ich würde das gern mal von ihrer Seite aus betrachtet lesen!

    Das hier übrigens
    “Er bemerkte, daß sein Atem denselben Rhythmus hatte wie ihrer, also hörte er auf zu atmen, jegliche Verbindung sollte enden zwischen ihnen.”
    – das ist ein Gänsehautsatz.
    schmofigruß!

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